„Wir wussten nicht, was diese Körperbereiche für Erwachsene bedeuten“ – Fachtag „Sexualisierte Gewalt“

Das Entsetzen im Raum war spürbar, obschon sie mit dem Thema bei ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert werden: Zum Fachtag „Sexualisierte Gewalt“ waren am 23. Oktober Fachkräfte der Jugendhilfe aus verschiedenen Einrichtungen und Orten Bayerns ins Freisinger Landratsamt gekommen – und hörten zunächst Alexander Probst zu. Der ehemalige Chorjunge der Regensburger Dompatzen berichtete von den Erlebnissen seiner Kindheit. Berichte, die die Zuhörer sichtlich erschütterten, so still war es im vollbelegten Sitzungssaal, von Probsts Stimme einmal abgesehen.

 

„Alexander, du hast nicht aufgepasst“, habe es in der Vorschule der Regensburger Dompatzen geheißen, in die er mit acht Jahren kam. „Dann hat der Lehrer meinen Kopf zur Seite gelegt und mir eine gedonnert, dass du denkst, du fliegst davon.“

Dabei habe er sich erst „wahnsinnig gefreut“, aus seinem Elternhaus wegzukommen, in dem ebenfalls Gewalt an der Tagesordnung war. „In der Schule wurde gesagt, du wirst etwas Besonderes – aber nach drei Tagen war meine Freude weg. Es herrschten Regeln, wie ich sie später nicht mal bei der Bundeswehr erlebt habe“, sagte der Referent. „Um sechs Uhr morgens hatten wir in Zweierreihen dazustehen und die Erwachsenen schauten nach, ob alles sauber sei, auch im Genitalbereich. Wir wussten ja nicht, was diese Körperbereiche für Erwachsene bedeuten.“

 

Freundschaften zwischen den 120 Jungen wurden verhindert, Kinder isoliert durch den strikt einzuhaltenden und durchgeplanten Tagesablauf. Bei einigen Vorschülern sei nach den Schlägen Blut aus Nase und Ohren geflossen. Prügelattacken im Schlafsaal durch den Direktor und den Präfekten wurden totgeschwiegen. Und wenn Eltern sich beschwerten, dann hätte die Schule von Verleumdungen gesprochen und mit Rausschmiss gedroht, so Probst.

"Ich war damals ein blonder, zarter Junge – der von einigen Herrschaften sehr gemocht wurde"

 

Am Gymnasium habe es dann weniger körperliche Gewalt gegeben, doch besser wurde es nicht. Statt Prügel gab es sexuelle Übergriffe, wie Probst berichtete. „Wie ich heute hier stehe, mit der Glatze und 110 Kilogramm, da kann man es sich vielleicht kaum vorstellen. Aber ich war damals ein blonder, zarter Junge – der von einigen Herrschaften sehr gemocht wurde. Leider.“

 

„Ein Präfekt saß jeden Abend, wenn er Dienst hatte, an meinem Bett und dann wanderte seine Hand unter die Decke.“ Kinder könnten nicht differenzieren, mahnte der Referent. „Da wird etwas gemacht, was du eigentlich nicht willst. Aber irgendwie ist es auch spannend, wenn etwas mit dem Körper passiert. Das ist in dem Alter ja ganz neu.“

„Es war das Beste, was er als Vater für mich getan hat. Da war ich endlich frei“

 

Schließlich vertraute er sich seinem Vater an, obwohl er auch im Elternhaus Geringschätzung erfuhr. Mit fünf Jahren musste er regelmäßig mit einem Schwamm die Toilette putzen, die Kinder bekamen nur die günstigsten Lebensmittel zu essen, während es sich Vater und Stiefmutter gut gehen ließen. „Auch psychische Gewalt ist eine Form von Gewalt“, betonte Probst. Es sei eine „Übersprungshandlung“ bei einer Autofahrt gewesen, als er seinem Vater von den Vorfällen bei den Regensburger Domspatzen erzählte. Der Vater machte kurzen Prozess und holte seinen Sohn aus dem Gymnasium.

 

„Es war das Beste, was er als Vater für mich getan hat. Da war ich endlich frei“, so Probst, der vor acht Jahren an die Öffentlichkeit ging. „2010 wurde mir noch mitgeteilt, ich wäre ein Einzelfall. Und ich dachte mir, das ist wie damals. Die versuchen dich klein zu halten.“ Probst kämpfte weiter. „Und 2016 waren es dann plötzlich über 500 Einzelfälle, die bekannt wurden.“

„Wir müssen unsere Kinder schützen. Aber es gibt auch Überprävention"

 

Er habe mittlerweile seinen Frieden gemacht, sagte der 58-Jährige. „Auch wenn diese Leute es geschafft haben, in meinem Leben etwas zum Negativen zu verändern.“ Man könne die Geschehnisse nicht für alles im Leben verantwortlich machen. „Aber ich kenne viele, die heute noch darunter leiden.“

 

„Sexuelle Gewalt – Wie schützen Behörden unsere Kinder?“ – dazu referierte im Anschluss die Kriminalhauptkommissarin Silke Poller. Zu dem umfassenden Programm des Fachtages, zu dem Vorträge, Workshops und Gespräche mit Betroffenen gehörten, gab es auch Beiträge seitens der Justiz. Über den „Umgang der Justiz mit Opfern sexualisierter Gewalt“ berichtete Martina Schmitt vom Amtsgericht München.  Um „Prävention“ und „Schutzkonzepte“ ging es jedoch ganz besonders – hierüber informierten auch die Aktion Jugendschutz sowie Prof. Mechthild Wolff von der Hochschule Landshut.

 

„Wir müssen unsere Kinder vor solchen kranken Menschen schützen“, so sieht es der Betroffene Alexander Probst. „Aber es gibt auch Überprävention. Es gibt Menschen, die dich nur in den Arm nehmen – und sonst nichts. Das sollte man Kindern nicht nehmen.“

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